Meine Lektüre-Biografie

Hervorgehoben

gerhard handlNachtzug nach Lissabon

Dieses Buch ist mir schwer. Es ist schwer in meinem Kopf, schwer in meinem Herz, schwer in meiner Hand. Dieser Goldschmied der Worte erzählt von Eindrücken, Weisheiten, Umständen, denen ich kaum folgen kann. Diese Virtuosität, dieser Fluss an Wort- und Satzspiel ist fürs erste nicht begreifbar. Dieser Mensch muss ganz sicher auch Klavier gespielt haben, wenn es ihn je gegeben hat. Diesen Ignacio de Prado aus Lissabon, Arzt und Widerständler und vor allem genialer Schriftsteller, zu Zeiten der Diktatur in Portugal. Gregorious, ein Schweizer Hochschulprofessor, stößt durch Zufall auf ein Buch dieses Menschen. Einmal gelesen, schließt er mit der Vergangenheit und Gegenwart ab, setzt sich in einen Nachtzug nach Lissabon und beschließt alles herauszufinden, was je in Zusammenhang mit diesem Goldschmied der Worte gestanden ist. Er versucht in zeitraubender Recherche, Verwandte und Bekannte zu finden, die ihn diesen Menschen näher bringen. „Nachtzug nach Lissabon“ von Pascal Mercier. Ich lese diesen 600-Seiten Roman schnell, zu schnell. Ich lese ihn noch einmal, wieder zu schnell. Ich nehme mir Zeit, versuche zu verstehen, versuche zu folgen. Allmählich beginne ich zu begreifen und auch ich, wie der Protagonist  “Gregorious“,  bin fasziniert und voller Demut ob solcher Kunst etwas in Worte zu fassen. Dieses Buch habe ich im Frühjahr 2008 gelesen und gelesen und gelesen…Es hat in mir einen Drang zum Schreiben ausgelöst. Ich wollte schreiben, einfach schreiben. Ich setzte mir sogar das Ziel bis zu meinem 60. Lebensjahr (2008 war ich 51 Jahre) einen Roman zu schreiben. Nicht, ohne mich vorher durch Literatur schlau zu machen. Ich verschlang einschlägige Bücher. Louise Doughty erklärte mir, wie man einen „Roman in einem Jahr“ schreibt. Natalie Goldberg erzählte von „Schreiben in Cafes“ und von „Creative writing“. Ja, sogar „Liebesromane schreiben“ hat mir Angeline Bauer so recht und schlecht beigebracht. Noch einige solcher Bücher folgten. Besessen davon, auch ein Goldschmied der Worte zu werden. Ich ließ Jean Paul Sartre folgen. Paulo Coelho sollte mich ebenso inspirieren. Von Daniel Glattauer erwartete ich mir die Leichtigkeit des Schreibens und fand sie in „Darum“ und „Gut gegen Nordwind“. Ich wechselte von Dokumentationsbücher wie „Gomorrha“ von Roberto Saviano bis zum „Modeschriftsteller“ Daniel Kehlmann. Kreuz und quer las ich mich, bis vor kurzem, durch unterschiedliche Genres um möglichst viele Stile einzusaugen, diese, gepaart mit einschlägiger Literatur, meinem Ziel, ein Goldschmied der Worte zu werden, näher zu kommen. Mit dem Ergebnis und mit der Erkenntnis, dass ich nie so ein Goldschmied werde.

„Nachtzug nach Lissabon“ hat mich jedenfalls in solcher Intensität berührt, ja sogar getrieben, mehr als ich es jemals zuvor tat, mich mit Literatur, egal aus welcher Ecke, auseinanderzusetzen. Und wirklich! Ich habe auch schon vor diesem Buch einiges an Lesen hinter mir. Ich kann mich aber nicht erinnern, je, ausgehend von einem Buch, so eine Obsession entwickelt zu haben und innerhalb kürzester Zeit (2008 – 2009) ca. 50 Bücher gelesen zu haben.

Ich erinnere mich, wenn auch nur mehr vage, an meine Schul- und Jugendzeit. Was ich da mit Lesen am Hut hatte? Nicht wirklich etwas. Musikzeitschriften, wie „Bravo“ (ja ich geb´s zu) oder „Music Man“ habe ich in periodischen Abständen gelesen. Und ich hatte es drauf. Da war ich voll informiert. In den Ausläufern der „Flower Power“-Zeit, war das ein  „must“. Schulbücher? Nein! Oder doch! Jedenfalls beschränkte ich mich auf das allernotwendigste um einigermaßen die nächste Klasse zu schaffen. Ach ja, zu Volksschulzeiten „inhalierte“ ich Comics, Comics und wieder Comics, von „Mickey Mouse“ bis „Felix“ und von „Bessy“ bis „Lassie“. Ich lernte wie man Schreilaute schreibt…Urgh! Grrh! Fft!…u.v.m. Ich dachte in Sprechblasen und redete in Bildern.

Doch später, heraus aus dem Teenager-Alter, lernte ich zu schätzen, was es bedeutet eine Tageszeitung zu lesen. Zu dieser Zeit war es noch nicht üblich ein Zeitungsabo zu besitzen. Ich hatte das Glück, jeden Tag, wenn ich es wollte, eine Tageszeitung bei der Hand zu haben. Und ich wollte. Seither ist für mich ein Tag ohne Tageszeitung ein verlorener Tag. Sogenannte „Hardcore“-Information (Papier und nicht Internet) ist für mich ganz wichtig. Dabei bleibe ich schon seit Jahrzehnten der „Kleinen Zeitung“ treu, was nicht heißt, dass ich Ausreißer zu „Standard“, Presse oder Kurier mache. Ja, auch zur vielgehassten und doch viel gelesenen „Kronenzeitung“ greife ich gelegentlich.

Auch periodisch erscheinende Magazine gehörten schon sehr früh (siehe „Bravo“ und „Music Man“)  zu meinem Lesestoff. Später hatte ich „Basta und „Profil“ über Jahre abonniert. Derzeit habe ich kein Magazin-Abo, aber ich kaufe mir gelegentlich „Profil“ und „Das Format“.

So Mitte Zwanzig begann ich verstärkt Bücher zu lesen, wenn auch nicht in so einem Ausmaß, wie ich es die letzten beiden Jahre mache. Aber doch, ein Buch in einem Monat, hatte ich mir damals schon vorgenommen und mit kurzen Unterbrechungen ist das immer noch so.

Ich erinnere mich an „Francoise Sagan“ in den 80ern, eine französische Schriftstellerin, die in dieser Zeit sehr viele Bücher schrieb, die ich, so glaube ich, allesamt gelesen habe. Sie thematisierte in ihren Romanen Tabuthemen, wie bspw. Dreiecksbeziehungen und gleichgeschlechtliche Liebe. Dies war in den 80ern durchaus noch polarisierend. Auch „Harold Robbins“ – ein Bestseller-Autor, ebenfalls in den 80ern – schrieb über Mafia und Moral, auch da ließ ich keinen Titel aus.

Eine Aneinanderreihung von Autoren und deren Büchern, die ich bereits gelesen habe, würde zum einen den vorgegebenen Rahmen sprengen und zum anderen wäre es fürchterlich langweilig. Jedenfalls weiß ich ganz genau, dass ich einen Gutteil meiner bescheidenen Bildung aus Büchern habe. Egal, was ich gelesen habe, ob Belletristik, Sach- oder Fachbuch. Egal ob tiefsten Schund oder, für meine Begriffe, hochgeistige Literatur. Alles hat mich in irgendeiner Weise gebildet. Davon bin ich fest überzeugt. Ganz sicher hat mich das eine oder andere Buch auch emotionell stark berührt. Ganz sicher habe ich Bücher gelesen, von denen ich nachher wünschte, ich hätte sie nicht gelesen. Sehr viele Bücher habe ich öfter als einmal gelesen. Auch habe ich Bücher im Laufe der Zeit öfter als zweimal gelesen. Und ich habe nicht vor, mein Leseverhalten zu ändern. Ich bleibe bei der Tageszeitung, ich bleibe bei Magazinen, ich bleibe bei Büchern unterschiedlichster Genres und Themen, ich verschließe mich natürlich nicht dem „world wide web“, aber manches Mal wünsche ich mir vor dem Einschlafen, ich säße im „Nachtzug nach Lissabon“.

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Empört sind wir doch alle – irgendwie!

gerhard handlEmpörung ist empfundene Entwürdigung – Entwürdigung ist Vernichten des eigenen Stolzes. In der Entwürdigung und Stolzlosigkeit geschehen irrationale Handlungen mit einem einzigen Ziel – Stolz und Würde wieder zu erlangen! Irrationale Handlungen? Ist es nicht oft so, dass Handlungen, die unserer  gesellschaftlichen Norm nicht entsprechen, oftmals rationaler und vernünftiger sind, als alles Handeln sogenannter „wertvoller“ Bürger und Bürgerinnen. Nur, was entspricht unserer gesellschaftlichen Norm? Eine Antwort darauf…nein, die ist ganz einfach nicht möglich. Vor diesem Hintergrund fühlen sich die Menschen in den unterschiedlichsten Situationen und Lebenslagen stolz- und würdelos. Ein „downgraden“ von einem 7er-BMW auf einen 5er-BMW kann ebenso persönliche Empörung hervorrufen, wie, nicht wissen, wie der nächste Tag überstanden werden soll. Und dazwischen? Empörung, Empörung und noch einmal Empörung. Ja, auch alle Profitgeier,  Gewinnmaximierer, Schmiergeldzahler und –empfänger empören sich, wenn auch auf einem anderen Niveau. Empört euch! Worüber denn? Die Armen über die Reichen? Die weniger Armen über die weniger Reichen? Der Unterschied liegt im Detail. Ich empöre mich und kann durch meine Lebenssituation diese Empörung am nächsten Tag wieder ablegen. Ich empöre mich, nicht nur bis „morgen“, sondern setze Zeichen um meiner Empörung Kraft zu verleihen, soviel Kraft, dass zumindest darüber nachgedacht wird. Und, niemand darf glauben, dass Zeichen von „Oben“ kommen. Nein, nein, die Verzweifelten, die stolz- und würdelosen Menschen müssen ihre Zeichen von unten nach oben wie auch von unten nach ganz oben setzen. Zeichen, die unter die Haut gehen, Zeichen, die unkonventioneller nicht sein könnten. Autos anzünden, Randale anzetteln, Gewalt als Waffe…das ist wohl das denkbar schlechteste Signal, was ein/e „EmpörerIn“ setzen kann – es ist sogar das Dämlichste. Menschenverachtung gegen Menschenverachtung, na „Gute Nacht“.

Wie wäre es aber mit folgendem Beispiel – stellvertretend für viele Institutionen: Ein Geschäftsführer einer kleinen Institution, finanziert mit Steuergelder, bekommt ein angemessenes Salär. Darüber hinaus einen schicken Dienstwagen und verfügt auch über ein Spesenkonto. In dieser Institution gibt es noch ein mittleres Management mit ebenso angemessenem Gehalt, wovon Teile davon um Gehaltserhöhung kämpfen, und sie auch bekommen. „Basiswappler“ bekommen dann halt nix oder verlieren gar ihre Arbeit. Und eben diese „Basiswappler“ könnten doch von Haus aus auf einen Teil ihres Gehalts verzichten, damit der Geschäftsführer mit einem noch tolleren Auto von zu Hause zur Arbeit fahren kann und das mittlere Management doch endlich „gerecht“ entlohnt wird. Gemäß  dem Sprichwort „Tue Gutes und sprich darüber“ ist dies, zugegeben, zwar ein unkonventionelles und schräges Zeichen – aber es hat doch „Charme“. Denn, eines ist sicher, es wird darüber gesprochen, nachgedacht und wachgerüttelt. Und frei nach Stephane Hessel: „Ohne mich!“ ist alle Empörung, jeder Widerstand zum Scheitern verurteilt.